Prolog

Hansen hörte sie zuerst. Im Gegensatz zu den anderen, die Granate ein wenig später bemerkten, reagierte er sofort. Seit vier Jahren hing sein Leben davon ab, dass er sofort reagierte.

»Granate!«, brüllte er und hechtete zu einem der Unterstände, die für genau diesen Fall überall auf dem Stützpunkt zu finden waren.

Mit seinem Warnruf setzte der Drill bei der Gruppe ein. Vier Männer und eine Frau suchten sofort in Fuchslöchern und hinter Sandsäcken Schutz. Hansen selbst, der am weitesten von den Gebäuden entfernt war, brauchte einen Bruchteil einer Sekunde länger als die anderen, um in Deckung zu gehen. 

Das genügte.

Die Explosion der Granate riss ihn von den Beinen, schmetterte ihn auf den Boden und fegte dann brutal über ihn hin weg. Steinsplitter bohrten sich in seinen Rücken. Dann spürte Hansen hilfreiche Hände, die ihn packten und ihn hinter eine Barrikade aus Sandsäcken zogen.

Als sich Hansen aufsetzte, sah er gefechtsbereite Soldaten an ihm vorbeilaufen. Aber warum konnte er den Alarm nicht hören? Er schüttelte den Kopf, um das taube Gefühl auf seinen Ohren loszuwerden, aber ohne Erfolg. Als er die besorgten Blicke von zwei Soldaten aus seiner Grund sah, wurde ihm schlagartig bewusst, dass er einen Knallschaden hatte. Er würde wohl erst in ein paar Stunden wieder hören können. Bis dahin würde er … Verdammt, was war das? Er hatte sich hochrappeln wollen, aber ein stechender Schmerz in seinem Rücken stoppte ihn.

»Natürlich …«, murmelte er. 

Mit langsamen Bewegungen knöpfte er die Jacke seines Kampfanzugs auf und ließ sie von seinem Rücken gleiten. Der Blick, mit dem er die Soldaten seiner Gruppe dabei ansah, verhieß unanständig grausame Folter für alle, die es wagten, ihm zu helfen. 

Er hatte nur ein paar Splitter abbekommen, mehr nicht.

Hansen war gut darin, Schmerzen zu ignorieren, und schließlich hatte er es geschafft. Er hielt seine Kampfjacke in die Sonne und stöhnte auf. Er zählte sechzehn Löcher auf dem Rücken seiner Jacke. Durch jedes konnte er die grelle Sonne sehen und alle waren von einem Kreis frischen Bluts umrahmt. Die kleineren Löcher zählte Hansen erst gar nicht. 

»Scheiße«, fluchte er leise. Dann biss er die Zähne zusammen und  stand auf. 

»Wenn der Oberstleutnat nach mir fragt, sagen Sie ihm, dass ich verhindert bin. Ich kommen zu ihm, sobald ich beim Sani fertig bin«, teilte er den Soldaten mit, dann machte er sich auf den Weg in die Sanitätsbaracke. Jeder Schritte wurde von einem Fluch begleitet, den er zwischen den Zähne hervor presste.

»Und seine Jacke?«, wunderte sich der Hauptgefreite Yves Schröder, der Jüngste der Gruppe.

UOA Can Celik hob die Jacke hoch und sah sie nachdenklich an.

»Dafür wird er wohl eine Verlustmeldung schreiben müssen«, überlegte er. 

Dann stand auch er auf und machte sich daran, die Jacke auf Hansens Stube zu bringen.

 

Mit einer flüchtigen Geste erwiderte Oberstleutnant Kretzig Hansens Gruß. 

»Stehen Sie bequem«, brummte er und sah dann Hansen genauer an. 

»Sie können doch stehen?«

»Besser als sitzen, Herr Oberstleutnant.« 

Hansens Antwort war bewusst knapp. Er wollte seinem Vorgesetzten nicht erzählen, wo überall Splitter eingedrungen waren und wie sie ihm für die nächste Zeit das Sitzen schwer machen würden.

»Sie hatten ein verdammtes Glück, Hansen«, stellte Kretzig fest. Weil er Hansen kannte setzte er hinzu: »Oder wie sehen Sie das?« 

Da der Oberstleutnant Mehr als nur ein einfaches ›Ja‹ als Antwort wollte, machte Hansen sich die Mühe.

»Nicht von einer Granate getötet zu werden ist immer ein verdammtes Glück, Herr Oberstleutnant.«

»Besonders dann, wenn man das Ziel einer solchen Granate ist, nicht wahr?« 

Kretzigs Ton war zuckersüß, als er die Frage stellte. Hansens Miene blieb starr. Wenn der OLT Spielchen spielen wollte, konnte er das haben.

»Ist das eine allgemeine Beobachtung, Herr Oberstleutnant?«, erkundigte Hansen sich.

Kretzig knurrte nur noch und bedachte Hansen mit einem finsteren Blick. 

»Was glauben Sie? Drei Anschläge in ebenso vielen Wochen, und Sie sind bei jedem dabei. Das klingt für mich nicht mehr nach Zufall.«

»Wer sollte denn ein Interesse daran haben, mich zu töten?«

»Jeder Stammesfürst von hier bis zu Khyber Pass, zum Beispiel? Und ich sage Ihnen, das sind eine ganze Menge.«

Das waren mehr, als selbst Hansen erwartet hätte. 

»Herr Oberstleutnant?«, fragte er mit einer Floskel, die im Militärjargon soviel bedeutete wie ›Wollen Sie mich verarschen?‹

»Hansen, Sie sind unser bester Scharfschütze. Sie haben für uns und unsere Alliierten so viele Probleme gelöst, dass ich schon gar nicht mehr weiß, wo ich anfangen soll, sie aufzuzählen. Sie haben Hinterhalte verhindert, MG-Nester ausgeschaltet, zu Brandbomben umgebaute Autos gestoppt und wichtige Strategen der Taliban aus dem Verkehr gezogen. Sie haben Hunderte von Leben gerettet.«

Der OLT fixierte Hansen, und sein Blick wurde härter. Offenbar erwartete er einen Kommentar.

»Ja, Herr Oberstleutnant«, war das Beste, was Hansen dazu einfiel. Er hatte es schon längst den jüngeren Dienstgraden überlassen, über seine Einsätze Buch zu führen.

»Deswegen sind Sie eine Gefahr für sich und die Einheit. Wer weiß, was die nächste Granate, die Ihnen gilt, anrichtet. Aber seien Sie beruhigt, ich habe schon eine Lösung dafür gefunden. Ich versetze Sie zurück nach Deutschland.«

Der Kommandeur stand auf, ging um den Schreibtisch herum, schüttelte Hansen die Hand und murmelte »Glückwunsch.« Dann setzte er sich wieder. 

Mit sichtlichem Vergnügen fuhr er fort. 

»Die Sanis haben angerufen. Sie sollten gar nicht hier sein, sondern im Bett. Sie sollen auf dem Bauch liegen, Musik hören oder ferngucken, aber sonst nichts. Genau das werden Sie daher die nächsten zwei Wochen machen, bis Sie transportfähig sind. Dann werden Sie irgendwo hinfliegen, wo Sie sich erholen können. Kanada, Australien, Chile, irgendwo ganz weit weg. Dafür werden Sie Ihren aufgelaufenen Urlaub verwenden, ziemlich genau sieben Wochen, wenn ich mich nicht irre. Jeder Tag dieses Urlaubs, den Sie verfallen lassen, wird als Insubordination betrachtet und entsprechend bestraft.“ 

Erst jetzt holte Kretzig wieder Luft. Er hatte schnell und ohne Pause geredet, um Hansen keine Möglichkeit zu geben, einen Einwand zu erheben.

»Wenn Sie sich erholt haben und ich Sie nicht einsperren musste, weil Sie sich geweigert haben, sich zu erholen, werden Sie nach Berlin gehen. Sie werden an eine Einheit der Bundespolizei ausgeliehen, die Leute von Direktor Bender. Dort kann man jemanden wie Sie gut gebrauchen. Sie finden Bender im Innenministerium. Alles weitere wird er Ihnen erzählen. Haben Sie das verstanden, Major Hansen?«

Das hatte er, und jetzt half nur noch die Flucht nach vorn.

»Das ist … Ich glaube nicht, dass ich mit Ihrem Vorschlag ganz einverstanden bin, Herr Oberstleutnant.«

Kretzig unterbrach ihn.

»Das ist ja das Schöne daran — es war gar kein Vorschlag, sondern ein Befehl.« Der Kommandeur klopfte einen Stapel Unterlagen zur einem exakten Stapel zusammen und stand auf. »Ein Befehl, den Sie befolgen werden, da bin ich mir sicher.«

Als er an Hansen vorbeikam, der sich noch immer nicht gerührt hatte, blieb Kretzig kurz stehen und legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Wissen Sie, in einer Stunde werde ich den Stabsarzt anrufen und fragen, wie es Ihnen geht. Wenn Sie dann nicht da sind, lasse ich Sie als Deserteur zur Fahndung ausschreiben. ›AWOL‹, wie es bei unseren amerikanischen Freunden so schön heißt.« 

Dann verschwand der Oberstleutnant mit langen Schritten aus dem Büro und ließ Hansen allein zurück.

»Scheiße!«, war alles, was Hansen sagte, nachdem er zwei Minuten über die Sache nachgedacht hatte. Es gab nichts, was er im Moment tun konnte. Schließlich machte er kehrt und ging in den San-Bereich hinüber.

 


»Schneller! Schneller! Schneller!«

Die harten Gummisohlen der kleinen, uniformierten Gruppe klackten in einem kurzem Stakkato auf den Asphalt, während die harsche Stimme des Einsatzleiters noch zur Eile mahnte. Zweihundert Meter weiter spielte sich eine ähnliche Szene ab.

»PSK 1 zu mir«, rief der Neue und beschrieb mit der Hand einen Kreis in der Luft. Die zweite Gruppe des PSK 1 der Bundespolizei baute sich vor dem grimmig aussehenden Mann im Tarnanzug auf. Der Neue hatte als einziger Tarnfarben an. Die beigen und grünen Flecken des Kampfanzugs waren im Berliner Winter ziemlich witzlos, dachte Natascha Brenner. Vor dem nahen Weihnachtsmarkt mit seinen vielen Lichtern erst recht. Ungeduldig beobachtete der Einsatzleiter die kleine Gruppe und wartete, bis jeder Haltung angenommen hatte.

»Okay. Ihr wisst alle worum es geht. Der LKW ist noch immer auf der Hardenberger Straße hierher unterwegs. Er ist in fünf Minuten da. Er muss aus dem Verkehr genommen werden, eher er gefährlich werden kann. Egal wie.« 

Danach sprach der Mann die einzelnen Mitglieder des Trupps an. 

»Thomas, ihr geht auf den alten Turm der Gedächtniskirche. Ihr werdet erwartet.«  

Zwei Männer nickten und liefen am Rand des Weihnachtsmarkts entlang zur Ruine der Kirche. Sie würden knapp einhundert Stufen hinauflaufen müssen, hatten dann aber ein unschlagbares Schussfeld. 

Es roch nach Mandeln und Glühwein, als sie hinter den Buden entlangliefen. Ein paar Leute entdeckten sie, aber niemand dachte sich etwas dabei, schwer bewaffnete Polizisten an diesem fröhlichen Ort zu sehen. Nicht in diesen Tagen. Nicht, seit vor fünf Monaten ein LKW durch die Menschen auf der Strandpromenade von Nizza gepflügt war.

»Kralle, ihr geht auf die Terrasse vom Bikini Haus.«

Der Scharfschütze mit der Narbe am Kinn und sein Spotter drehten auf den Hacken und liefen quer über die Straße. Die Treppe, die zwischen dem Kino und Bikini Berlin auf eine Terrasse führte, gab es noch nicht lange. Kralle wusste, dass sie noch nicht in vielen taktischen Besprechungen eine Rolle gespielt hatte. Trotzdem wussten die Männer, was sie zu tun hatten. Dann zeigte der Neue auf das hinter ihm liegende Motel One und sah die letzten beiden Mitglieder des Teams an. Eines war eine Frau, und bislang hatte 

»Ihr beide geht auf der Terrasse vom Hotel. Am Empfang weiß man Bescheid. Los jetzt!«

Natascha nickte. So würde es im Hotel wenigstens keine Panik geben. 

»Vielleicht hatte ja jemand bereits einen Aufzug gerufen. Nur im Film muss nie jemand auf den Aufzug warten«, flachste Stefan Kremer, ihr Spotter, als sie die Straße überquerten. Keiner der Autofahrer schien es ungewöhnlich zu finden, dass zwei Polizisten quer über eine viel befahrene Straße rannten. Keiner hupte und alle ließen die beiden passieren. 

In der Halle des Hotels wartete bereits ein junger Mann in einem türkisfarbenen Hemd. Er winkte sie zu einem Aufzug, der tatsächlich auf sie wartete. Der junge Mann stieg mit ihnen in den Fahrstuhl und ließ die Kabine ohne Halt in den fünften Stock fahren. Die Eisentür zum Dach war nicht so schwer, wie sie schien. Der Hotelangestellte schloss sie auf und bemerkte dazu, dass im Winter Terrassenplätze nicht so beliebt seien. Stefan grunzte etwas zur Erwiderung, seine Partnerin rannte bereits zur Ecke des Daches. 

Noch drei Minuten. 

Natascha kniete sich in der äußersten Ecke hinter das Edelstahlgeländer. Sie atmete zweimal durch und nahm dann ihr Gewehr aus seiner Hülle. Gerne hätte sie gewartet, bis es sich der Außentemperatur angepasst hatte, aber dafür war keine Zeit. Auf diese Entfernung konnte sie den Einfluss vernachlässigen. Dann schaute die Scharfschützin zu Stefan auf, der einmal kurz nickte. Er hatte sein spezielles Fernglas bereits auf die Kreuzung vor ihnen ausgerichtet. Es hatte eine bis zu 50 fache Vergrößerung und war mit Stickstoff gefüllt, so dass es sich beschlagen konnte. Von ihm wurde Natascha alles erfahren, was sie für Ihren Schuss wissen musste.

»Bereit«, murmelte sie in das Mikrofon, das an ihrer Schulter steckte. 

Einen Moment später bestätigte der Neue mit einem knappen »Gut!«

Es dauerte keine weitere Minute, dann kam der LKW in Sicht.

»Ich habe ihn«, meldete Stefan. » LKW, Typ Scania. Schwarzes Führerhaus, blauer Schriftzug, polnisches Kennzeichen. Zwei Personen in der Kabine. Eine Person lehnt seitlich mit dem Kopf an der Windschutzscheibe.«

»Wiederholen Sie das! Ist das der polnische Fahrer? Ist er tot?«, schnarrte es umgehend aus dem Funkgerät.

»Negativ. Keine Id möglich. Zustand der Person unklar.«

»Verdammt!«, knurrte der Neue. »Brenner?«

Kühl berichtete Natascha, was sie durch ihr Zielfernrohr sah. 

»Zwei Personen in der Kabine, eine verdeckt teilweise die andere. Ich kann den Schuss setzen.«

»Haben Sie eine 100 % positive Identifizierung?«

»Negativ. Eher 90 %. Die Scheibe ist getönt.«

Stefan bestätigte Nataschas Beobachtung. Sie hatte den Fahrer im Visier, aber das würde nur noch ein paar Sekunden so sein.

»Ich kann den Schuss setzen!«, erklärte sie knapp. 

Für einen Moment hörte sie nur klappern und statisches Rauschen, dann war die Stimme des Neuen wieder da.

»Negativ. Schießen Sie nicht. Wir dürfen auf keinen Fall den Polen treffen.«

»Ich habe die Schulter des Fahrers im Visier! Ich ziehe ihn nur aus dem Verkehr.«

»Negativ! Verdammt, niemand schießt! Das ist ein Befehl. Verstanden?«

Ohne zu zögern bestätigten die Schützen den Befehl, mit einer Ausnahme.

»Brenner?«

Natascha sah, wie der Fahrer aus dem Schussfeld verschwand. Sie stieß den Atem, den sie unwillkürlich angehalten hatte, durch die Nase aus. 

»Verstanden«, flüsterte sie

Es war es sowieso zu spät. Der Winkel für einen Schuss war zu steil, denn der Laster fuhr direkt unter ihnen vorbei. Natascha sah ihm nach, und ihr blieb nichts anderes übrig als zuzusehen, wie der wuchtige LKW plötzlich nach rechts abbog und auf den Weihnachtsmarkt zuhielt. Für einen ewig langen, unfassbar kurzen Moment pflügte die Maschine durch die Reihen fröhlicher Menschen, die zum Weihnachtsmarkt gekommen waren, um mit ihren Freunden Glühwein zu trinken und gemeinsam Spaß zu haben.

Natascha merkte nicht, dass Stefan neben ihr das Geländer so fest umklammerte, dass seine Knöchel weiß wurden. Sie hörte die Schreie und sah wie die Menschen unten auf der Straße entsetzt davonliefen. Sie merkte nicht, wie sie nur reglos dastand und ihr Tränen über das Gesicht flossen. In diesem Moment brannte sich in ihr Gedächtnis ein, dass sie für fünf Sekunden die Chance gehabt hatte, das Grauen dort unten zu verhindern. Fünf Sekunden lang hätte sie schießen können, aber sie hatte es nicht getan. So galten ihre Tränen nicht den Menschen dort unten, sondern ihre Seele, die sie heute verloren hatte.