Teil I, Kapitel 2

Hansen war auf dem Weg zum Olympiastadion. Er erinnerte sich, dass er zuletzt ein ›Rolling Stones‹ Konzert dort gesehen hatte. Das war 1990 gewesen, ziemlich bald nach dem Mauerfall, und hatte unglaubliche 60 Mark gekostet. Jetzt hielt er wieder auf das Tor zu, über dem die olympischen Ringe hingen. Er machte den Eindruck eines Mannes, der nichts Besseres zu tun hatte und auf dem Weg war, sich einen schönen Tag zu machen. 

Der Eindruck täuschte. 

Er hatte bei Gott Besseres zu tun, auch wenn er im Moment nicht sagen konnte, was. Das Sportfest der Polizei zu besuchen war jedenfalls nicht seine Idee gewesen. Sein Chef hatte ihm gesagt, er solle da ruhig einmal hingehen. Leute kennenlernen, und so. Frische Luft schnappen. 

Es war keine Bitte gewesen.

Natürlich, Hansen hatte sich noch nicht ganz eingewöhnt seit er aus Afghanistan wieder da war. Das brauchte ihm niemand zu sagen. Das Büro war das Erste gewesen, an das er sich gewöhnen musste aber nicht wollte. Dort stand dieser blöde Schreibtisch, der ihn zur Bewegungslosigkeit verurteilte, weil angeblich dort sein Arbeitsplatz war. Verdammt, der Einsatz Afghanistan war gefährlich gewesen, aber da hatte ihn wenigstens niemand eingesperrt. Hier in Berlin war das anders. 

Hier war er ständig hinter Gittern.

Als er vor ein paar Tagen angefangen hatte, von seinem Bürofenster aus auf Cola-Dosen zu schießen, wurden seine Kollegen stutzig. Hansen behauptete, dass der große Schutthaufen hinter dem Hauptquartier ideal für sowas war. Er hatte dort in einer Mittagspause die Dosen aufgestellt und dann von seinem Bürofenster aus mit einer Glock sechs Dosen mit sechs Schüssen erwischt. Hansen fand, das sei gut gegen Langeweile, sein Chef fand es beunruhigend. Hansens Büro lag im fünften Stock. Dann hatte der Chef die Idee mit dem Sportfest gehabt, und Hansen hingeschickt. Morgen würde er bestimmt Fragen stellen, wie es war. Also kaufte Hansen eine Karte, ging hinein und verkniff sich eine Erwiderung, als ihm ein Polizist am Eingang sagte, er solle einen schönen Tag haben.

Hier, am Osteingang war nicht viel los, da man die Arena beim Marathontor am anderen Ende betreten sollte. Dies war der Eingang für die U- und S-Bahnfahrer. Davon gab es bei der Bundespolizei nicht viele. Deswegen präsentierte ein Berliner Autohaus direkt vor dem Stadion die neuesten Geländewagen aus Stuttgart. Das passte besser.

Um in das Innere des Stadions zu gelangen, musste Hansen dem linken der beiden Gänge folgen, die rund um das Stadion führten. Hier hatten sich Stände für Brezel, Bier und T-Shirts breitgemacht, die allesamt regen Zuspruch fanden. Überall standen bewaffnete Polizisten ausgemacht, acht davon trugen Freizeitkleidung und hatten ihre Waffen unter Jacken oder im Hosenbund verborgen. 

An einer der Buden warb eine Handvoll gut aussehender junger Menschen für die Arbeit bei der Polizei. Ein Plakat versprach »verdächtig gute Jobs«, und Hansen fragte sich, ob sie für ihn ein Angebot hatten, das er gegen seinen Schreibtischjob bei der Bundespolizei tauschen konnte. Er musste daran denken, dem Chef morgen von dieser Aktion zu erzählen.

Am Südeingang sah Hansen einen Hindernisparkour, auf dem Amateure den Profis der GSG9 zeigen sollten, wie geschickt sie die Strecke meisterten. Die Strecke war aufwändig aufgebaut worden, mit allem, was der echte Trainingsparcours der Truppe hergab. Neben einer Strecke zum Kriechen und der Holzwand, die man überklettern musste, gab es einige Sachen, die nicht jeder aus irgendeinem Film kannte. Unter anderem musste man an einem Seil hängend ein Planschbecken überqueren. Wer das versuchte, in dem er sich nur an zwei Händen das Seil entlang hangelte, würde ins Wasser fallen. Wer die Beine zur Hilfe nahm, hatte eine Chance.

Einem Schild zufolge war derzeit Polizeihauptmeister Schenk aus der Spezialeinheit der Rekordhalter. Hansen bezweifelte, dass der Name echt war, da eigentlich alles in Sachen GSG9 geheim war. Dass die Eröffnung eines neuen Standorts in Berlin bevorstand, war vor einiger Zeit durchgesickert, aber niemand wusste, wo er sich befand, oder welche Einheit dort stationiert sein würde. Das würde sicher auch noch eine Weile so bleiben.

Gerade bereitete sich ein neuer Kandidat auf den Parcours vor. Er war einige Zentimeter größer als Hansen, athletisch, und die Muskeln, die unter seiner braun schimmernden Haut spielten, zeigten, dass er es ernst meinte. Dadurch hatte er gleich zwei Nachteile, dachte Hansen. Menschen, die zu groß oder zu muskulös waren, konnten bei einem Parcours, bei dem es auf Geschicklichkeit und Geschwindigkeit ankam, kaum gewinnen. Die kühle Arroganz, mit der neue Herausforderer die Strecke musterte, ließ allerdings ahnen, dass er dieses Problem genau kannte. 

Als der athletische junge Mann ein Paar enge Jeans abstreifte, gab es von einigen Frauen im Publikum Applaus, aber Hansen war für einen Moment alarmiert. Der Kandidat war zu einer Bedrohung geworden, denn hinten im Bund der Sporthose steckte ... irgendwas. Hansens rechte Hand fuhr automatisch zum Gürtel, wo er früher seine Glock griffbereit getragen hatte, dann atmete er tief durch. Das war nicht mehr sein Job, und was da auch steckte, war keine Waffe. Ein Polizist, der ein paar Meter weiter die Veranstaltung schützte, hatte seine MP kurz gehoben, aber auch er erkannte, dass es sich um falschen Alarm handelte. Die Konturen des Gegenstands waren rund und weich, und an einer Stelle lugte ein Stück Leopardenfell hervor. So sah keine Waffe aus. Hansen trat zwei Schritte näher und nahm den Kandidaten genauer in Augenschein.

Eine Lautsprecherstimme stellte den jungen Mann als »David« vor. Er winkte den Zuschauern kurz zu, die Damen direkt hinter ihm spendeten Applaus, dann trat er an die Startlinie. Als die Stimme aus dem Lautsprecher »Los!« rief, sprintete er zum ersten Hindernis. Er hatte es noch nicht erreicht, als eine Art metallisches Schnappen ertönte. Hansen hörte es genau, unterdrückte aber den Instinkt, sich auf den Boden zu werfen. Das hätte die Umstehenden nur beunruhigt, erkannte er, denn im nächsten Augenblick zierte ein langer Leopardenschwanz die Rückseite des Läufers. David überquerte einen künstlichen Graben mit einem langen Sprung, landete sicher und lief ohne Unterbrechung weiter. Die erste, scharfe Kehre nahm er enger, als Hansen es für möglich gehalten hatte. Das Balancieren auf einem glatten Baumstamm war für David kein Problem, und auch den Slalom um umgestürzte Mülltonnen meisterte er mit Bravour. Als er über das Wasserbecken hangelte und mit den Beinen das Seil umklammerte, verhinderte der Schwanz, dass er zu sehr hin und her schwankte. Im Ziel zeigte die Uhr schließlich an, dass er die bisherige Bestzeit um 8,2 Sekunden unterboten hatte.

Das war ein gewaltiger Vorsprung und David hatte damit klar gewonnen, aber trotzdem geschah eine Weile gar nichts. Die offiziellen Zeitnehmer sahen sich ratlos, während der neue Champion die Zeit nutzte, um den Leopardenschwanz abzulegen und sich in aller Ruhe wieder anzuziehen. Als einer der Offiziellen auf ihn einredete, blieb er kühl und gelassen, und schien zu freundlich fragen, wie der Mann denn auf die Idee käme, er habe etwas Verbotenes getan. Mit einer resignierten Geste wandte sich der Mann ab und stapfte zurück zu seinen Kollegen.

 Schließlich verkündete die Stimme aus dem Lautsprecher, dass Herr David Maybach den Rekord eingestellt habe. In den Regeln sei wenig über Leopardenschwänze oder andere Hilfsmittel zu finden, hieß es zur Erklärung, und es ginge ja darum, Spaß zu haben. Applaus unterstützte die Entscheidung, und David Maybach nickte zufrieden, eher er seine Sachen schnappte und mit einem Winken die Veranstaltung verließ.

Hansen betrachtete den jungen Mann noch einmal, ehe er mit einem leichten Schmunzeln weiterging. Die Idee, Katzen nachzuahmen, um auf der Strecke besser ausbalanciert zu sein, gefiel ihm. Jemand, der so einen Apparat bauen konnte, hatte den Sieg ohne Zweifel verdient, selbst wenn er nicht den Regeln entsprach. Niemand überlebte lange, nur weil er ständig das tat, was in Dienstvorschriften stand, das wusste Hansen.

Hansen kaufte sich an einem Stand eine Bio-Limonade und ging weiter zu Marathontor. Dort befand sich ein aufwendiger Stand, der Hansen sofort interessierte. Das war schon der zweite Stand — weit mehr, als er erwartet hatte. Hier durften sich alle über achtzehn einmal als Scharfschützen versuchen, verhieß ein Plakat. Zwar nur mit Luftgewehren, aber immerhin. Die Ausweiskontrolle war gründlich, und zwei Polizisten standen bereit, um dafür zu sorgen, dass niemand auf blöde Ideen kam. Es wurde scharf geschossen, begriff Hansen, selbst wenn die Angreifer nur Luftgewehre hatten.

 Er kam gerade rechtzeitig bei dem Stand an, um ein sich entfaltendes Drama mitzubekommen. Der Betreuer des Standes argumentierte mit einem Mann, der jünger wirken wollte, als er war. Er hatte sich in zu enge Jeans gezwängt, sein Hemd stand halb offen. Es war natürlich ein Jeanshemd, und der Mann war auf die Idee gekommen, es in die Hose zu zwängen, in der es eigentlich keinen Platz dafür gab. Zwei dunkle Flecken unter den Achseln zeigten, dass er sich dabei sehr angestrengt haben musste. Das Haar des Mannes war streng nach hinten gegelt und glänzte. Hansen fühlte sich an den schwarzen Panzer eines Käfers erinnert. Immerhin hatte er kräftige Oberarm- und Nackenmuskeln, obwohl sie etwas zu kräftig waren. Seine auffällige Sonnenbräune zeigten, dass der Mann Wert auf ein sportliches Äußeres legte. Sein Bierbauch passte nicht dazu und verriet, dass sein Eifer in letzter Zeit nicht so weit reichte, um ein paar Sit-ups ins Training einzuschließen.

Im Moment beschwerte der Mann sich, dass man ihm offenbar ein schlechtes Gewehr gegeben hatte, eines, mit dem keiner treffen könne. Er teilte ungefragt mit, dass er Boris von Schnabel und nicht von gestern sei. Beides betonte er so deutlich, dass einige der Umstehenden zu kichern begannen. Einer der Polizisten hinter dem Tresen bot ihm schließlich an, noch einmal mit einem anderen Gewehr zu schießen. Das war eigentlich gegen die Regeln, denn andere warteten auch noch auf ihre Chance. 

Während von Schnabel mit hochnäsiger Miene das Gewehr entgegennahm und sich in Position stellte, ging Hansen zu den Polizisten am Stand hinüber. Von dort aus beobachtete er von Schnabel, der abrupt anlegte und schoß. Beide Schüsse gingen daneben. Das war nicht verwunderlich, da der Mann sein linkes Knie überhaupt nicht belastete und völlig unsicher stand. Hansen seufzte innerlich. Jetzt war klar, was mit dem Kerl los war. 

Er redete kurz mit dem Standpersonal, wobei er seinen Ausweis vorzeigte, dann gesellte er sich zu dem unglücklichen Schützen. Der wies gerade lautstark darauf hin, dass man das nicht mit ihm machen könne. Als ein Polizist fragte, wen er denn mit »man« meine, kam von Schnabel kurz ins Stottern und blieb die Antwort schuldig. Hansen nutzte diesen Moment, um seine Hand schwer auf von Schnabels Schulter fallen zu lassen. 

»Oh, hallo Boris!«, rief er. »Schön dich zu sehen! Wie geht’s dem Knie?«

Von Schnabel stutzte für einen Moment.

»Schon wieder ganz gut, danke. Und Sie sind … ?«

»Hansen. Erinnerst du dich noch?« 

Boris Miene zeigte, dass er sich Mühe gab, sich an Hansen zu erinnern.

 »Was macht der Innendienst?«, hakte Hansen nach.

Der Mann sah ihn verwirrt an. Offenbar kannte der Mann ihn, aber woher? Von Schnabel setzte ein freundliches Lächeln auf und behauptete, dass er bestimmt bald wieder voll einsatzfähig sein würde.

»Sehr gut, sehr gut«, freute sich Hansen. »Das ist der rechte Geist. Immer weiter machen, auch wenn nichts mehr geht. Und was ist das hier? Du sagst, die versuchen, dich über den Tisch zu ziehen?«

»Das sind doch immer die gleichen Typen, die das versuchen. Aber nicht mit mir«, knurrte der sonnengebräunte Mann wütend. »Sie sind alle wie die anderen.« 

Hansen versuchte gar nicht erst, hinter den Sinn dieses Satzes zu kommen. Stattdessen wandte er sich an einen der jungen Männer und sagte ihm, er solle sechs Gewehre vor ihn auf den Tresen legen, und zwar sofort.

»Schauen wir doch einmal, was mit diesen Gewehten los ist«,  knurrte er, während sechs Gewehre vor ihm ausgebreitet wurden — ganz so, wie er es ein paar Minuten vorher abgesprochen hatte.

Ohne Zögern nahm sich Hansen das erste Gewehr, legte an und feuerte. Dann machte er einen Schritt zur Seite und nahm das zweite Gewehr auf. Er legte an und feuerte, alles in einer flüssigen Bewegung. Bei den nächsten vier Gewehren wiederholte sich die Prozedur. Das alles dauerte kaum mehr als eine Minute. Als Hansen fertig war, sah er nachdenklich auf die Gewehre und zuckte mit den Schultern. 

»Scheint doch alles ganz in Ordnung zu sein ...«, murmelte er.

»Quatsch!«, unterbrach ihn von Schnabel, der die ganze Prozedur genau verfolgt hatte. »Du hast nur einmal getroffen, mit sechs Gewehren. Da stimmt doch was nicht!« 

Anklagend zeigte von Schnabel auf das einzige Loch in der Zielscheibe. Es war zwar genau in der Mitte, aber es war halt nur ein einziges Loch. Eigentlich konnte Boris von Schnabel zufrieden sein, denn dieser Typ, dieser Besserwisser, hatte ja noch schlechter geschossen als er selbst. So waren sie halt, diese Angeber. Mit einem breiten Grinsen sah er zu, wie der junge Mann vom Schießstand die Zielscheibe nach vorne holte. Mit einem breiten Grinsen leerte er den Kasten, der die Kugeln auffing, auf dem Tresen aus. Dort lagen sechs verbeulte Projektile. 

Voller Unverständnis sah von Schnabel auf die kleinen Bleiklumpen. Da war doch nur ein einziges Loch in der Karte, das konnte man ganz klar sehen! Wieso lagen sechs Kugeln vor ihm? Mit empörter Miene wandte er sich an Hansen, nur um festzustellen, dass der längst gegangen war.

»Ist das wieder so ein Trick?«, fragte Boris den jungen Polizisten voller Misstrauen. Der schüttelte den Kopf.

»Kein Trick. Sie sehen es doch, der Typ hat alle Kugeln durch das gleiche Loch gejagt«, stellte er voller Bewunderung fest, wobei er ungläubig den Kopf schüttelte. »Wenn man genauer hinsieht, merkt man, dass das Loch etwas größer ist, als bei nur einem Treffer. Trotzdem enorm. So etwas habe ich noch nie gesehen. Cool, nicht?«