Kapitel 4

Am Hauptbahnhof schob sich Hansen mit der Menge aus der S-Bahn. Er verließ den Bahnhof Richtung Spree, aber als er Alt-Moabit überqueren wollte, begegnete er einem  unerwarteten Hindernis. Ein Polizeiwagen stand quer auf der Straße und versperrte den Weg zur Moltkebrücke. Eine Polizistin mit einer schussbereiten Uzi hielt ihn mit erhobener Hand auf.  

»Sie können hier leider nicht durch«, informierte sie ihn schlicht.

Hansen nickte nur. 

»Ich wollte gar nicht über die Brücke. Ich arbeite im Ministerium, gleich da drüben.«

»Das mag sein. Aber zum Ministerium dürfen Sie auch nicht. Tut mir leid.«

»Doch, ich darf. Ich gehöre zur Bundespolizei. Ich hole jetzt meinen Ausweis aus meiner Jackentasche«, informierte er sie. 

Dann tat er genau das, nicht zu schnell und nicht zu langsam. Er reichte der Polizistin seinen Ausweis. Sie musterte das kleine Stück Plastik und stutzte dann. Rasch sprach sie ein paar Worte in das Mikrofon, das an ihrer Schulterklappe steckte. Wenn Hansen richtig gehört hatte, erwähnte sie dabei seinen Namen. Über einen Knopf im Ohr empfing sie eine Antwort und sah wieder auf.

»Herr Hansen«, sagte sie und streckte ihm seinen Ausweis hin. »Sie dürfen passieren. Nur müssen Sie jetzt doch über die Brücke. Sie werden gebeten, zum Kanzleramt zu kommen.«

Hansen musste ein Grinsen unterdrücken. Das Kanzleramt? 

„Hat man Ihnen gesagt, warum?“

Die Polizistin schüttelte den Kopf. Das versprach, interessant zu werden. Er nickt und wandte sich nach links. 

»Sagen Sie denen, dass ich unterwegs bin«, bat er, was die Polizistin unbewegt aufnahm. 

Er kriegte noch mit, wie sie seine Nachricht weiterleitete, dann hatte er die Straße überquert und war außer Hörweite.

 

Über das Kanzleramt hatte sich Hansen bislang kaum Gedanken gemacht. Als er jetzt die Spree überquerte, faszinierte ihn der Kontrast zwischen der schmucklosen Schweizer Botschaft und dem mächtigen Koloss des Kanzleramtes, neben dem der Reichstag fast etwas geduckt wirkte. Wenn die Architekten es darauf angelegt hatten, mit massivem Betoneinsatz zu beeindrucken, hatten sie alles richtig gemacht.

Dann bemerkte er das Besondere der Lage des klobigen Baus. Im Süden erstreckte sich die Weite des Tiergartens, im Norden und Osten standen mit dem Hauptbahnhof und dem Bürohaus der Abgeordneten zwei Gebäude in unmittelbarer Nähe, die noch größer und noch klotziger wirkten als das Kanzleramt selbst. Es war nur eines von vier taktischen Zielen, und es beherrschte die Fläche, von der aus es angreifbar war. Sehr raffiniert, dachte Hansen.

Die Fassade des Kanzleramts fand er hingegen furchtbar, sie sah aus wie ein Triumphbogen, was bestimmt Absicht war. Es gab viel Glas, von dem er wusste, dass es beschusshemmend war. Die Konstruktion dahinter bestand aus Alu und beheiztem Stahl. Hansen dachte sich, dass die seltsam geschwungenen Betonteilen vor der Fassaden auch irgendwelchen taktischen Zwecken dienen mussten. Fragte sich nur, welchen.

Am Tor zeigte er seinen Ausweis vor, aber er wurde nicht gleich durchgelassen. Er musste einige Minuten warten und war noch in Gedanken versunken, als er eine bekannte Stimme neben sich hörte. Vor ihm stand Direktor Bender, sein Chef. 

»Hansen«, brummte er zur Begrüßung. »Gut. Kommen Sie.«

Hansen folgte der massiven Gestalt des Mannes, der die kleine Abteilung von Spezialisten leitete, der Hansen zugeteilt worden war. Seine Amtsbezeichnung lautete »Direktor Bender«, aber die benutzte niemand. egendär war das Plastikschild, das neben der Tür zum Büro seines Chefs hing. Seit der Eröffnung des verkündete es, mit wem es etwaige Besucher zu tun hatten. Jemand hatte allerdings eine halbe Stunde nach der Eröffnung mit einem dicken schwarzen Edding die Amtsbezeichnung »Direktor« mehrfach durchgestrichen und nur den Namen Bender dahinter stehenlassen. Als Hansen das an seinem ersten Tag gesehen hatte, war ihm klar geworden, dass er in der Gegenwart seines Chefs nie das »D-Wort« benutzen würde, es sei denn, er hatte vor, noch am gleichen Tag zu sterben. Bender war der Typ dafür.

Mit jeder Etage, die sie höher stiegen, nahm die Anzahl an Polizisten zu. Über der vierten Etage, die doppelt und dreifach gegen jede Art von Spionage gesicherte Konferenzräume beherbergte, lag das eigentliche Zentrum der deutschen Regierung.   Im siebten Stock war ein großer Bereich mit rot-weißem Flatterband abgesperrt. Vor und hinter dieser Absperrung liefen Dutzende Polizisten und Sicherheitsleute hektisch hin und her.

»Ein Ameisenhaufen«, beschwerte sich Bender. »Wie soll man da seine Arbeit machen? Wenn die Kanzlerin hier gewesen wäre, liefen hier noch einmal so viele Bedenkenträger herum, Personenschützer inklusive.« Er zeigte auf einen Gang, bevor er unter der Absperrung durchkletterte. »Die dritte Tür ist ihre. Aber wir sollen uns das hier ansehen.« 

Er zeigte auf eine Stelle am Fenster, die von besonders vielen Menschen umlagert war. Bender drängte einige davon beiseite und wies dann mit einem anklagenden Finger auf die große Panoramascheibe, die sich zur Spree und zum Kanzlerpark öffnete.

»Es geht um dieses gottverdammte Loch, das nicht da sein kann, wo es ist. Dieses Loch darf es nicht geben. Sie sollen uns sagen, warum es trotzdem dort ist.«

Hansen hatte das Loch schon von Weitem gesehen, vermutlich stammte es von einer Gewehrkugel. Dadurch wusste er, warum man ausgerechnet ihn geholt hatte. Schwierige Schüsse waren seine Spezialität.

»Werde ich verdächtigt?«, erkundigte er sich ruhig.

»Nicht von mir. Aber die Experten der anderen sagen, dass das Glas supersicher ist und so ein Loch nicht möglich ist. Es müsse schon ein Superschütze sein, der so etwas zuwege bringt.«

Hansen nickte kurz. Das war der Punkt, an dem er ins Spiel kam.

»Einer, der aus Langeweile auf 60 Meter Cola-Dosen durchlöchert, zum Beispiel«, ergänzte sein Chef. »Jeder hier weiß, dass Sie der Beste sind.«

Hansen verstand die Botschaft. Wenn ein Scharfschütze mit Erfolg auf das Kanzleramt geschossen hatte, dann war die Anzahl der Verdächtigen begrenzt. Im Moment gab es nur einen.

»Wie lange habe ich noch?«

»Was denken Sie, warum ich es so eilig hatte, Sie hierher zu holen? Sagen wir fünf Minuten.«

Hansen nickte wieder und nahm das Loch in Augenschein. Nach zwei langen Minuten wandte er sich wieder an seinen Abteilungsleiter, der mit kaum unterdrückter Anspannung neben ihm gestanden hatte.

»Nun, was können Sie sagen?«, platzte Bender heraus.

Hansen warf Bender einen überraschten Blick zu. Es musste verdammt übel stehen, wenn sein Chef überflüssige Fragen stellte. 

»Erstens: Es handelt sich nicht um einen Schuss, sondern um mehrere. Der Schütze hat sein Ziel drei-, vielleicht viermal getroffen. Zweitens: Der Schütze ist genauso gut wie ich, oder besser. Drittens: Der Schütze war kein Attentäter.«

Bender ließ sich das für einen Moment durch den Kopf gehen, dann gab er Hansen ein Zeichen, ihm zu folgen. 

»Erklären Sie mir das!«, verlangte er, als sie einem Korridor folgten, der in einen weniger belebten Teil des Gebäudes führte. »Wen oder was suchen wir?«

 »Nun, man kann jede Art von kugelfestem Glas zerstören, man muss es nur wollen. Wenn Sie oft genug darauf schießen, geht jede Scheibe kaputt. Das Problem ist, Sie müssen immer wieder dieselbe Stelle treffen. In diesem Fall hat der Schütze genau das gemacht. Er hat aus großer Entfernung geschossen und dabei drei oder vier Mal denselben Punkt getroffen.« Hansen kannte den Blick, den Bender ihm zuwarf, und riss sich zusammen. »Das ist äußerst schwierig, und das Loch beweist das. Es ist unregelmäßig, fast herzförmig, aber zu groß für eine Kugel. Es gab mindestens zwei Treffer, eher drei oder vier. Der Winkel, mit dem die Geschosse aufgeschlagen sind, sagt mir, dass der Schütze mehr als 500 Meter entfernt war. Ich denke, er hat vom Kanzlerpark aus geschossen, aber bestimmt nicht vom Gelände des Kanzleramts.«

»Soll mich das beruhigen?«, erkundigte sich Bender.

»Nein.«

»Gut. Tut es auch nicht. Was noch?«

Hansen blieb stehen und zog sein Smartphone aus der Tasche. Er rief eine dreidimensionale Karte des Kanzleramts auf, die er kurz studierte. Nach ein paar Sekunden zeigte er Bender das Display, das den vergrößerten Ausschnitt der Karte zeigte. Bender erkannte den Kanzlerpark auf der anderen Seite der Spree. Die Karte zeigte ein paar Bäume, die neben zwei parallel laufenden Wegen standen.

»Dort sollten Ihre Leute anfangen zu suchen.«

Bender stutzte einen Moment und Hansen nahm sich vor, das nächste Mal von »unsere« Leute zu sprechen.

»Wieso?«

»Von dort hätte ich geschossen. Freies Schussfeld, keine nennenswerte Entfernung.«

»Eingesehen«, brummte Bender. 

Einen Moment später rief er seinen Stellvertreter an und gab den Befehl, Leute vom Kanzleramt abzuziehen und stattdessen den Kanzlerpark unter die Lupe zu nehmen – falls nicht schon einer der anderen Dienste darauf gekommen war. Hansen schickte ihm gleichzeitig ein Bildschirmfoto der Stelle. Ohne eine Antwort seiner Nr. 2 abzuwarten, beendete Bender das Gespräch.

»Weiter.«

»Der Schütze brauchte einen festen Stand, ein präzises Gewehr und die richtige Munition.«

»Was heißt das für uns?«, fragte Bender, während sie einem endlos scheinenden Gang folgten.

Hansen hatte die Antwort darauf längst parat. Er hatte alle Möglichkeiten durchdacht, aber nur ein Ablauf schien sinnvoll zu sein.

»Unsere Leute werden im Park genug Spuren finden, aber sie werden nicht aufschlussreich sein«, prophezeite er.

Bender schnaubte verächtlich.

»Warum das, bitte?«

»Wenn Sie auf das Kanzleramt schießen wollen, könnten sie ein einfaches Malergerüst an die Mauer am Ende des Geländes aufstellen. Das ist nicht riskanter, als vom anderen Ufer aus einem Park heraus zu schießen, ist aber viel näher dran. Beides sind öffentliche Wege, auf beiden kann man leicht gesehen werden, auch nachts. Das Risiko ist also auch das gleiche. Warum sich also das Leben schwer machen, wenn man nur zeigen will, dass das Kanzleramt nicht unverwundbar ist?«

»Sie meinen, darum hat der Schütze gerade diesen Schuss gewagt? Es war ein Schuss, der einfach Aufmerksamkeit erregen musste?«, erkundigte sich Bender.

»Genau. Dabei ist das so …« Hansen suchte nach dem richtigen Wort. Als er es gefunden hatte, spuckte er es gerade zu aus. »… so furchtbar unlogisch.«