Teil I, Kapitel 1

Mit einem leichten Lächeln lauschte Natascha Brenner auf die Geräusche emsiger Aktivität, die aus der Gartenlaube kamen. POK Harald Graumann war noch nicht lange Besitzer eines eigenen Schrebergartens. Die Herstellung von Kaffee mithilfe einer uralten Mitropa Kaffeemaschine stellte ihn daher vor echte Herausforderungen. Zuerst musste er den Generator anwerfen, der den nötigen Strom lieferte. Das war etwas, was ihm von Tag zu Tag leichter fiel, wie er sagte. Die Bedienung der Handpumpe, die das Wasser lieferte, war hingegen kein Problem. Er wusste bereits genau, wieviel er angiessen musste, um rasch Wasser zu bekommen, hatte Graumann strahlend verkündet. Daher dauerte es eine Weile, bis der Kaffee fertig war, aber das machte nichts. Natascha war froh, dass sie jetzt hier war und damit den schwierigsten Schritt bereits hinter sich hatte.

Dass dazu ein kompliziertes Täuschungsmanöver nötig gewesen war, empfand sie mittlerweile als normal, aber es freute sie, dass es so reibungslos geklappt hatte. Vor zwei Stunden hatte Natascha sich ihr Sportzeug angezogen und war zu einem leichten Lauf aufgebrochen, der sie an zwei U-Bahnhöfen vorbeigeführt hatte. Beim zweiten Bahnhof war sie plötzlich abgebogen und war rasch die Treppen hinuntergelaufen. Sie fuhr bis zur Ollenhauerstraße und setzte ihren Laufen im Kienholzpark fort, von dem sie erst seit gestern Abend wusste, dass es ihn gab.

Natascha hatte die Route, der sie anschließend im Park gefolgt war, anhand von Google Maps genau geplant. Im Park lief sie eine Runde um einen kleinen See, um sicher zu sein, dass ihr niemand bis hierhin gefolgt war. Dann lief sie unter den Bäumen durch zu den Gleisen der S-Bahn, die sie ebenso rasch wie vorsichtig überquerte. Den dahinter liegenden Schrottplatz durchquerte sie in wenigen Sekunden, wobei sie ihren Schwung nutzte, um den Zaun zu überwinden, der das Gelände von einer chemischen Fabrik trennte. Als sie wieder auf der Straße war, legte sie ein gemütliches Lauftempo vor und bog immer wieder in andere Richtungen ab. Schließlich lief sie durch eine Toreinfahrt eines langen Wohnblocks, um die Kleingartenanlage zu erreichen, wo Harald Graumann seine Datsche hatte. Es war unmöglich, dass sie jemand bis hierher verfolgt haben konnte.

Natascha setzte sich auf, als Graumann wiederkam und auf einem Tablett zwei Tassen, Milch und eine Dose Zucker balancierte. Nachdem er alles erfolgreich auf dem etwas wackligen Gartentisch platziert hatte, ließ er sich mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck in einen Gartenstuhl sinken.

»Nun, Frau Brenner, was treibt Sie hierher? Was kann ich für Sie tun?«, fragte er, nachdem sie einen ersten Schluck genommen hatte.

»Bitte nenne Sie mich doch Natascha«, bat sie und grinste dann. »Dafür werde ich Sie auch weiterhin ›Chef‹ nennen.«

»So soll es sein«, willigte er ein. »Also, was ist? Warum sind Sie hier, Natascha?«

»Ich möchte gerne … Darf ich Ihnen ein paar Fragen über den 19. Dezember stellen?«

Graumann sah sie für einen langen Moment reglos an, dann nickte er langsam.

»Natürlich. Es wurde ja auch langsam Zeit.«

Natascha stutzte.

»Wie meinen Sie das, Chef?«

»Das erkläre ich Ihnen gleich, Natascha. Aber stellen Sie doch zuerst Ihre Fragen.« 

Als ehemaliges Mitglied seines Teams war Natascha klar, dass im Moment Graumann die Regeln bestimmte, also ging sie nicht weiter auf seine Bemerkung ein.

»Können Sie mir verraten, warum Sie an dem Montag plötzlich nicht mehr unser Dienstgruppenleiter waren? Warum Kommissar Hankel diese Aufgabe übernommen hat?«

Graumann schnitt eine Grimasse.

»Wollen Sie das hören, was in den Akten steht?«

»Ich will alles hören«, erklärte Natascha knapp.

»Meinetwegen. In den Akten würden Sie sowieso nur den Hinweis finden, dass bei mir eine PDU festgestellt wurde. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass ich schon seit Monaten bei keiner Untersuchung mehr war.«

»Aber … aber eine Polizeidienstunfähigkeit muss doch offiziell festgestellt werden. Das geht nicht einfach so. Sie müssen vorher zu einem Amtsarzt.«

»Das hatte ich auch gedacht, bis ich eine ›sofort vollziehbar erklärte Feststellung‹ meiner PDU im Briefkasten hatte.«

»Im Briefkasten? Vorher haben Sie nichts davon gehört?«

»Nein, habe ich nicht. Der Brief kam per Einschreiben - eigenhändig, mit Rückschein. Da konnte es jemand nicht erwarten.« Graumann rieb sich mit einem abwesenden Blick die Knie. »Das war alles sehr ordentlich und sehr legal. Im Brief wurde mir erklärt,  dass ein ›weites Organisationsermessen‹ besteht, wann ein Polizeivollzugsbeamter trotz Polizeidienstunfähigkeit weiterhin im Polizeivollzugsdienst verwendet werden soll. Bei mir hat man aufgrund meines Alters entschieden, dass es besser für mich ist, mich gleich in den Ruhestand zu schicken, allerdings mit vollen Pensionsansprüchen. Die hätte ich sonst erst in zwei Jahren so gehabt.« 

Graumann lachte bitter und schüttelte den Kopf. Als er eine Weile nichts gesagt hatte, wollte Natascha es genauer wissen.

»Haben Sie keinen Widerspruch eingelegt?«

»Das habe ich sein gelassen, als ich sah, wer den Brief persönlich mit Tinte unterschrieben hat. Mit Tinte!«

Graumann nannte einen Namen, der Natascha schlagartig klarmachte, dass die Ablösung ihres ehemaligen Chefs viel brisanter war, als sie es gedacht hatte.

»Der Präsident«, murmelte sie und dachte nach. »Ist der Präsident nicht selbst auf diese Art zu seinem Job gekommen?«, fragte sie schließlich. 

Es war schon ein paar Jahre her, und sie konnte sich nicht mehr an die Details erinnern.

»Ja«, bestätigte Graumann, der damals die Ereignisse genau verfolgt hatte. »Vor vier Jahren hat der Minister die ganze Führungsriege der Bundespolizei ausgetauscht. Bis heute weiß keiner, wieso. Es gab viel Kritik, aber der Minister hat sich nicht beirren lassen. Er hat auch noch den Chef des Verfassungsschutzes ausgetauscht, einfach so.«

»Und dieser Hankel?«

Graumann zuckte mit den Schultern.

»Für mich ein unbeschriebenes Blatt. Ich habe noch nie von ihm gehört.«

»Er stammt also nicht aus der Berliner Einheit?«

Graumann schüttelte den Kopf, dann sah er Natascha mit einem wehmütigen Blick an.

»Sie machen sich noch immer Vorwürfe deswegen, nicht wahr?« Natascha sagte nichts, also fuhr er fort. »Als Sie damals den Fahrer im Visier hatten, da wussten Sie noch nicht, was passieren würde. Hankel auch nicht. Es war richtig, nicht zu schießen. Es bestand immer die Möglichkeiten, dass Sie einen Unschuldigen töten.«

Natascha schnaubte verächtlich. Die Art Vortrag hatte sie schon etliche Male gehört, sogar von Graumann selbst. Zum ersten Mal war das, als sie ihn am zweiten Weihnachtstag in seiner Berliner Wohnung aufgesucht und ihr Herz ausgeschüttet hatte. Aber sie wusste, dass er nicht recht hatte. Der Neue hatte ihr nicht verboten, den Fahrer zu töten, er hatte ihr verboten, überhaupt zu schießen - noch nicht einmal auf die Schulter des Fahrers.

»Danke«, sagte sie nachdenklich und stand auf.

Graumann wusste nicht, ob sie sich für den Kaffee oder seine Worte bedankte. Als er ihren hart gewordenen Blick sah, wusste er, dass sein Trost bei ihr nicht angekommen war.

»Passen Sie auf sich auf!«, reif er ihr nach, als sie schon fast am Gartentor war. Natascha Brenner winkte kurz mit der Hand. Sie hatte ihn gehört, aber umdrehen wollte sie sich nicht noch einmal.