Kapitel 3

Scharfschützen hatten ihre eigenen Regeln. Natascha Brenner hatte sie auch nicht vergessen, als sie von drei mit Adrenalin aufgeputschte Russen durch die Altstadt von Kabul gejagt wurde. Der Tag damals, im Sommer vor zwei Jahren, hatte drei Russen das Leben gekostet und sie beinahe ihren Job.

Während sie sich durch die schmalen Gassen drängte und dabei einen Haufen unfreundlicher Blicke einsammelte, hatte sie die Regeln immer wieder vor sich hergesagt. Das beruhigte sie solange, bis sie auf einem kleinen Platz mit ihren drei Angreifern endlich allein war und ihre Desert Eagle benutzen konnte. Noch ehe die Russen ein erstes, schmutziges Grinsen sehen ließen, weil sie die hübsche, aber kratzbürstige Deutsche jetzt für sich allein hatten, fanden drei .50 Action Express Kugeln ihr Ziel. Dreimal genau zwischen die Augen.

»Erstens: Scharfschützen fallen niemals auf.«

So lautete die erste Regel. Nicht aufzufallen war einer ihrer Stärken, doch diese Regel würde heute Abend zuerst über Bord gehen. 

Sie seufzte und lehnte ihr Gewehr an einen Baum und öffnete die Hülle, damit sich die Waffe akklimatisieren konnte. Das Remington 700 war zum Glück weniger empfindlich als ihre zweite Wahl, ein Weatherby Mark V. Das kam mit den kalten Nächten in der Hauptstadt nicht so gut zurecht wie das Remington. Damit hatte sie einen Grund gefunden, endlich wieder ihr Lieblingsgewehr mitzunehmen. Sie mochte, dass das Remington eine eigene Persönlichkeit hatte, so viel war klar. Von den meisten anderen Spezialwaffen, die sie in ihrem Beruf brauchte, konnte man das nichts sagen. 

»Zweitens: Scharfschützen arbeiten niemals allein.«

Diese Regel brach sie heute Abend ebenfalls. Nicht leichten Herzens, aber sie hatte vorher schon allein gearbeitet, und das mit Erfolg. Hier war das Terrain übersichtlich und die Gefahr, vom Feind überrascht zu werden, gab es praktisch nicht.

»Drittens: Scharfschützen geben niemals ihre Position preis.« 

In dieser Nacht ging es nicht anders sein, diesmal musste sie es tun. Wenn die Polizisten etwas Verstand hatten, fanden sie zu allererst die Stelle, die sie gerade vorbereitete. Morgen früh würden dann Dutzende von Ermittlern hier herumschwirren, und genau das wollte sie. Sie hinterließ bestimmt keine nennenswerten Spuren, trotzdem empfand sie es als Sakrileg, ihre Position so öffentlich zu machen. 

Ein Lächeln huschte über ihre Lippen. Sie ließ ihren Rucksack von ihren schmalen Schultern gleiten und stellte ihn auf den Boden. Dann holte sie einen handlichen Lautsprecher hervor, den sie gestern in einem großen Elektronikladen gekauft und bar bezahlt hatte. Sie schaltete ihn ein. Als die Bluetooth-Verbindung zu ihrem Smartphone stand, tippte sie zweimal mit einem spitzbübischen Grinsen auf das Display. Im nächsten Augenblick schepperte »Trampled Under Foot« durch die Nacht. Led Zeppelin hatten zwar schon besser geklungen, aber heute sollten die alten Herren nur ihre sonstigen Aktivitäten übertönen.

Sie atmete kurz durch und lud das Magazin ihres Remington 700 mit sechs .338 Lapua Magnum Geschossen. Damit schoß sie sonst mehr als anderthalb Kilometer weit, aber das war an diesem Abend nicht nötig. Heute brauchte sie den Wumms, den die Kugel mitbrachte.

Es war kühl geworden. Die kalte Luft, die über dem Fluss lag, würde dafür sorgen, dass die Kugel auf der kurzen Strecke weniger als die üblichen 208 Zentimeter steigen konnte. Ihre Flugbahn erreichte nach 500 Metern ihren Scheitelpunkt, was ein weiterer Grund war, dass sie für diesen Einsatz die Lapua genommen hatte. Andere Kugeln verloren ihre Energie noch viel früher. Andererseits war die Lapua windempfindlicher als die meisten Kugeln, doch das war kein Problem sein. Die Abweichung betrug nur 40 Millimeter, maximal 42 Millimeter über die gesamte Strecke.

Mit schnellen, geübten Bewegungen stellte sie das Zielfernrohr ein, dann suchte sie die Auflage, die sie am Abend zuvor sorgsam präpariert hatte. Sie nahm ihr Ziel auf und ging zum letzten Mal alles durch -- die Temperatur, die Luftfeuchtigkeit, und den Wind, den sie auf ihrer rechten Wange spürte. Als sie überzeugt war, dass sie den Schuss setzen konnte, drückte sie ab. 

Dann noch einmal. 

Noch einmal. 

Als sie zum vierten Mal abdrückte, wusste sie, dass sie ihr Ziel so genau und so gut getroffen hatte, wie es sonst niemand in diesem Geschäft vermochte -- mit einer Ausnahme vielleicht. 

Natascha nickte zufrieden, packte ihr Gewehr sorgfältig ein und beherzigte zum Schluss die wichtigste Regel, die ihr Harald Graumann immer wieder gepredigt hatte: 

»Erledige den Job und dann verschwinde, so schnell du kannst.«