· 

Tag 5 - Berlin

Eines der schlimmsten Verbrechen in der jüngeren Geschichte Deutschlands war sicher der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz. Diese Tat war feige und brutal. Niemand hatte eine Chance, ihr zur entkommen. Oder? Ich habe mich lange gefragt, was gewesen wäre, wenn eine Einsatztruppe mit Scharfschützen und allen Befugnissen, die die Polizei sonst nicht hat, den Breitscheidplatz vor dem Mörder erreicht hätte. 

Das Tatwerkzeug war ein LKW, den der Täter vier Stunden vor dem Anschlag stahl. Das hat mich nachdenklich gemacht -- vier Stunden, in denen ein bekannter Gewalttäter mit einem gestohlenen LKW unterwegs war ... Das hat niemand gemerkt, niemand verhindern können? Oder verhindern wollen?

Hier liegt die Idee für den Roman, und Dank der 3D Karten von Apple und Google konnte ich mir auch von hoch oben ein Bild von den Gebäuden rund um den Tatort und die Gedächtniskirche machen. Ob das Einsatzkommando, das es hätte geben sollen, so gehandelt hätte, wie ich es beschrieben habe, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich wünschte, dass es ein solches Kommando gehandelt hätte ...  

Auf jeden Fall war es schwierig, die Szene zu schreiben, sie gut zu timen und glaubwürdig zu machen. Sagt mir, was Ihr davon haltet. Was könnte ich besser machen?


»Schneller! Schneller! Schneller!«

Die harten Gummisohlen der kleinen, uniformierten Gruppe klackten in einem kurzem Stakkato auf den Asphalt, während die harsche Stimme des Einsatzleiters noch zur Eile mahnte. Zweihundert Meter weiter spielte sich eine ähnliche Szene ab.

»PSK 1 zu mir«, rief der Neue und beschrieb mit der Hand einen Kreis in der Luft. Die zweite Gruppe des PSK 1 der Bundespolizei baute sich vor dem grimmig aussehenden Mann im Tarnanzug auf. Der Neue hatte als einziger Tarnfarben an. Die beigen und grünen Flecken des Kampfanzugs waren im Berliner Winter ziemlich witzlos, dachte Natascha Brenner. Vor dem nahen Weihnachtsmarkt mit seinen vielen Lichtern erst recht. Ungeduldig beobachtete der Einsatzleiter die kleine Gruppe und wartete, bis jeder Haltung angenommen hatte.

»Okay. Ihr wisst alle worum es geht. Der LKW ist noch immer auf der Hardenberger Straße hierher unterwegs. Er ist in fünf Minuten da. Er muss aus dem Verkehr genommen werden, eher er gefährlich werden kann. Egal wie.« 

Danach sprach der Mann die einzelnen Mitglieder des Trupps an. 

»Thomas, ihr geht auf den alten Turm der Gedächtniskirche. Ihr werdet erwartet.«  

Zwei Männer nickten und liefen am Rand des Weihnachtsmarkts entlang zur Ruine der Kirche. Sie würden knapp einhundert Stufen hinauflaufen müssen, hatten dann aber ein unschlagbares Schussfeld. 

Es roch nach Mandeln und Glühwein, als sie hinter den Buden entlangliefen. Ein paar Leute entdeckten sie, aber niemand dachte sich etwas dabei, schwer bewaffnete Polizisten an diesem fröhlichen Ort zu sehen. Nicht in diesen Tagen. Nicht, seit vor fünf Monaten ein LKW durch die Menschen auf der Strandpromenade von Nizza gepflügt war.

»Kralle, ihr geht auf die Terrasse vom Bikini Haus.«

Der Scharfschütze mit der Narbe am Kinn und sein Spotter drehten auf den Hacken und liefen quer über die Straße. Die Treppe, die zwischen dem Kino und Bikini Berlin auf eine Terrasse führte, gab es noch nicht lange. Kralle wusste, dass sie noch nicht in vielen taktischen Besprechungen eine Rolle gespielt hatte. Trotzdem wussten die Männer, was sie zu tun hatten. Dann zeigte der Neue auf das hinter ihm liegende Motel One und sah die letzten beiden Mitglieder des Teams an. Eines war eine Frau, und bislang hatte 

»Ihr beide geht auf der Terrasse vom Hotel. Am Empfang weiß man Bescheid. Los jetzt!«

Natascha nickte. So würde es im Hotel wenigstens keine Panik geben. 

»Vielleicht hatte ja jemand bereits einen Aufzug gerufen. Nur im Film muss nie jemand auf den Aufzug warten«, flachste Stefan Kremer, ihr Spotter, als sie die Straße überquerten. Keiner der Autofahrer schien es ungewöhnlich zu finden, dass zwei Polizisten quer über eine viel befahrene Straße rannten. Keiner hupte und alle ließen die beiden passieren. 

In der Halle des Hotels wartete bereits ein junger Mann in einem türkisfarbenen Hemd. Er winkte sie zu einem Aufzug, der tatsächlich auf sie wartete. Der junge Mann stieg mit ihnen in den Fahrstuhl und ließ die Kabine ohne Halt in den fünften Stock fahren. Die Eisentür zum Dach war nicht so schwer, wie sie schien. Der Hotelangestellte schloss sie auf und bemerkte dazu, dass im Winter Terrassenplätze nicht so beliebt seien. Stefan grunzte etwas zur Erwiderung, seine Partnerin rannte bereits zur Ecke des Daches. 

Noch drei Minuten. 

Natascha kniete sich in der äußersten Ecke hinter das Edelstahlgeländer. Sie atmete zweimal durch und nahm dann ihr Gewehr aus seiner Hülle. Gerne hätte sie gewartet, bis es sich der Außentemperatur angepasst hatte, aber dafür war keine Zeit. Auf diese Entfernung konnte sie den Einfluss vernachlässigen. Dann schaute die Scharfschützin zu Stefan auf, der einmal kurz nickte. Er hatte sein spezielles Fernglas bereits auf die Kreuzung vor ihnen ausgerichtet. Es hatte eine bis zu 50 fache Vergrößerung und war mit Stickstoff gefüllt, so dass es sich beschlagen konnte. Von ihm wurde Natascha alles erfahren, was sie für Ihren Schuss wissen musste.

»Bereit«, murmelte sie in das Mikrofon, das an ihrer Schulter steckte. 

Einen Moment später bestätigte der Neue mit einem knappen »Gut!«

Es dauerte keine weitere Minute, dann kam der LKW in Sicht.

»Ich habe ihn«, meldete Stefan. » LKW, Typ Scania. Schwarzes Führerhaus, blauer Schriftzug, polnisches Kennzeichen. Zwei Personen in der Kabine. Eine Person lehnt seitlich mit dem Kopf an der Windschutzscheibe.«

»Wiederholen Sie das! Ist das der polnische Fahrer? Ist er tot?«, schnarrte es umgehend aus dem Funkgerät.

»Negativ. Keine Id möglich. Zustand der Person unklar.«

»Verdammt!«, knurrte der Neue. »Brenner?«

Kühl berichtete Natascha, was sie durch ihr Zielfernrohr sah. 

»Zwei Personen in der Kabine, eine verdeckt teilweise die andere. Ich kann den Schuss setzen.«

»Haben Sie eine 100 % positive Identifizierung?«

»Negativ. Eher 90 %. Die Scheibe ist getönt.«

Stefan bestätigte Nataschas Beobachtung. Sie hatte den Fahrer im Visier, aber das würde nur noch ein paar Sekunden so sein.

»Ich kann den Schuss setzen!«, erklärte sie knapp. 

Für einen Moment hörte sie nur klappern und statisches Rauschen, dann war die Stimme des Neuen wieder da.

»Negativ. Schießen Sie nicht. Wir dürfen auf keinen Fall den Polen treffen.«

»Ich habe die Schulter des Fahrers im Visier! Ich ziehe ihn nur aus dem Verkehr.«

»Negativ! Verdammt, niemand schießt! Das ist ein Befehl. Verstanden?«

Ohne zu zögern bestätigten die Schützen den Befehl, mit einer Ausnahme.

»Brenner?«

Natascha sah, wie der Fahrer aus dem Schussfeld verschwand. Sie stieß den Atem, den sie unwillkürlich angehalten hatte, durch die Nase aus. 

»Verstanden«, flüsterte sie

Es war es sowieso zu spät. Der Winkel für einen Schuss war zu steil, denn der Laster fuhr direkt unter ihnen vorbei. Natascha sah ihm nach, und ihr blieb nichts anderes übrig als zuzusehen, wie der wuchtige LKW plötzlich nach rechts abbog und auf den Weihnachtsmarkt zuhielt. Für einen ewig langen, unfassbar kurzen Moment pflügte die Maschine durch die Reihen fröhlicher Menschen, die zum Weihnachtsmarkt gekommen waren, um mit ihren Freunden Glühwein zu trinken und gemeinsam Spaß zu haben.

Natascha merkte nicht, dass Stefan neben ihr das Geländer so fest umklammerte, dass seine Knöchel weiß wurden. Sie hörte die Schreie und sah wie die Menschen unten auf der Straße entsetzt davonliefen. Sie merkte nicht, wie sie nur reglos dastand und ihr Tränen über das Gesicht flossen. In diesem Moment brannte sich in ihr Gedächtnis ein, dass sie für fünf Sekunden die Chance gehabt hatte, das Grauen dort unten zu verhindern. Fünf Sekunden lang hätte sie schießen können, aber sie hatte es nicht getan. So galten ihre Tränen nicht den Menschen dort unten, sondern ihre Seele, die sie heute verloren hatte.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0