· 

Tag 2 - Afghanistan

Fragen über Fragen

  • Warum hast du deinen Helden zu Anfang der Geschichte nach Afghanistan geschickt?

Ich brauche einen Profi, der als Scharfschütze genug Erfahrung gesammelt hat, um die Aufgabe zu lösen, die sich ihm bald stellen wird.

  • Wie hast herausbekommen, wie es im Lager der Bundeswehr in Afghanistan aussieht?

Ich habe meine Erfahrung bei der Bundeswehr genutzt und mich ansonsten auf das verlassen, was logischerweise an solch einem Standort zu finden ist. Ich bin gar nicht sicher, ob es die Bundeswehr mag, wenn man detailliert erzählt, wie es an ihren Einsatzorten aussieht.

  • Was wird mit Hansen geschehen?

Abwarten. Das stellt sich früh genug heraus.


 

Mit einer flüchtigen Geste erwiderte Oberstleutnant Kretzig Hansens Gruß. 

»Stehen Sie bequem«, brummte er und sah dann Hansen genauer an. 

»Sie können doch stehen?«

»Besser als sitzen, Herr Oberstleutnant.« 

Hansens Antwort war bewusst knapp. Er wollte seinem Vorgesetzten nicht erzählen, wo überall Splitter eingedrungen waren und wie sie ihm für die nächste Zeit das Sitzen schwer machen würden.

»Sie hatten ein verdammtes Glück, Hansen«, stellte Kretzig fest. Weil er Hansen kannte setzte er hinzu: »Oder wie sehen Sie das?« 

Da der Oberstleutnant Mehr als nur ein einfaches ›Ja‹ als Antwort wollte, machte Hansen sich die Mühe.

»Nicht von einer Granate getötet zu werden ist immer ein verdammtes Glück, Herr Oberstleutnant.«

»Besonders dann, wenn man das Ziel einer solchen Granate ist, nicht wahr?« 

Kretzigs Ton war zuckersüß, als er die Frage stellte. Hansens Miene blieb starr. Wenn der OLT Spielchen spielen wollte, konnte er das haben.

»Ist das eine allgemeine Beobachtung, Herr Oberstleutnant?«, erkundigte Hansen sich.

Kretzig knurrte nur noch und bedachte Hansen mit einem finsteren Blick. 

»Was glauben Sie? Drei Anschläge in ebenso vielen Wochen, und Sie sind bei jedem dabei. Das klingt für mich nicht mehr nach Zufall.«

»Wer sollte denn ein Interesse daran haben, mich zu töten?«

»Jeder Stammesfürst von hier bis zu Khyber Pass, zum Beispiel? Und ich sage Ihnen, das sind eine ganze Menge.«

Das waren mehr, als selbst Hansen erwartet hätte. 

»Herr Oberstleutnant?«, fragte er mit einer Floskel, die im Militärjargon soviel bedeutete wie ›Wollen Sie mich verarschen?‹

»Hansen, Sie sind unser bester Scharfschütze. Sie haben für uns und unsere Alliierten so viele Probleme gelöst, dass ich schon gar nicht mehr weiß, wo ich anfangen soll, sie aufzuzählen. Sie haben Hinterhalte verhindert, MG-Nester ausgeschaltet, zu Brandbomben umgebaute Autos gestoppt und wichtige Strategen der Taliban aus dem Verkehr gezogen. Sie haben Hunderte von Leben gerettet.«

Der OLT fixierte Hansen, und sein Blick wurde härter. Offenbar erwartete er einen Kommentar.

»Ja, Herr Oberstleutnant«, war das Beste, was Hansen dazu einfiel. Er hatte es schon längst den jüngeren Dienstgraden überlassen, über seine Einsätze Buch zu führen.

»Deswegen sind Sie eine Gefahr für sich und die Einheit. Wer weiß, was die nächste Granate, die Ihnen gilt, anrichtet. Aber seien Sie beruhigt, ich habe schon eine Lösung dafür gefunden. Ich versetze Sie zurück nach Deutschland.«

Der Kommandeur stand auf, ging um den Schreibtisch herum, schüttelte Hansen die Hand und murmelte »Glückwunsch.« Dann setzte er sich wieder. 

Mit sichtlichem Vergnügen fuhr er fort. 

»Die Sanis haben angerufen. Sie sollten gar nicht hier sein, sondern im Bett. Sie sollen auf dem Bauch liegen, Musik hören oder ferngucken, aber sonst nichts. Genau das werden Sie daher die nächsten zwei Wochen machen, bis Sie transportfähig sind. Dann werden Sie irgendwo hinfliegen, wo Sie sich erholen können. Kanada, Australien, Chile, irgendwo ganz weit weg. Dafür werden Sie Ihren aufgelaufenen Urlaub verwenden, ziemlich genau sieben Wochen, wenn ich mich nicht irre. Jeder Tag dieses Urlaubs, den Sie verfallen lassen, wird als Insubordination betrachtet und entsprechend bestraft.“ 

Erst jetzt holte Kretzig wieder Luft. Er hatte schnell und ohne Pause geredet, um Hansen keine Möglichkeit zu geben, einen Einwand zu erheben.

»Wenn Sie sich erholt haben und ich Sie nicht einsperren musste, weil Sie sich geweigert haben, sich zu erholen, werden Sie nach Berlin gehen. Sie werden an eine Einheit der Bundespolizei ausgeliehen, die Leute von Direktor Bender. Dort kann man jemanden wie Sie gut gebrauchen. Sie finden Bender im Innenministerium. Alles weitere wird er Ihnen erzählen. Haben Sie das verstanden, Major Hansen?«

Das hatte er, und jetzt half nur noch die Flucht nach vorn.

»Das ist … Ich glaube nicht, dass ich mit Ihrem Vorschlag ganz einverstanden bin, Herr Oberstleutnant.«

Kretzig unterbrach ihn.

»Das ist ja das Schöne daran — es war gar kein Vorschlag, sondern ein Befehl.« Der Kommandeur klopfte einen Stapel Unterlagen zur einem exakten Stapel zusammen und stand auf. »Ein Befehl, den Sie befolgen werden, da bin ich mir sicher.«

Als er an Hansen vorbeikam, der sich noch immer nicht gerührt hatte, blieb Kretzig kurz stehen und legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Wissen Sie, in einer Stunde werde ich den Stabsarzt anrufen und fragen, wie es Ihnen geht. Wenn Sie dann nicht da sind, lasse ich Sie als Deserteur zur Fahndung ausschreiben. ›AWOL‹, wie es bei unseren amerikanischen Freunden so schön heißt.« 

Dann verschwand der Oberstleutnant mit langen Schritten aus dem Büro und ließ Hansen allein zurück.

»Scheiße!«, war alles, was Hansen sagte, nachdem er zwei Minuten über die Sache nachgedacht hatte. Es gab nichts, was er im Moment tun konnte. Schließlich machte er kehrt und ging in den San-Bereich hinüber.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0